Aus der anhaltischen Eisenbahngeschichte
Die Nauendorf-Gerlebogker-Eisenbahn-Gesellschaft (NGE)

Die ab 5. Oktober 1900 in der gesamten Länge fertig gestellte Strecke der NGE berührte die Stadt Köthen nicht, verlief aber 8,04 km im damaligen Anhalt-Kreis Köthen. Trotzdem blieb sie in Köthen relativ unbeachtet.
Der Ausgangspunkt der Bahn lag an der Strecke Halle–Halberstadt der KPEV (Königlich Preußische Eisen-bahn-Verwaltung) in der Station Nauendorf und erreichte, nach Überqueren des Grenzflüßchens Fuhne bei Werdershausen, das Herzogtum Anhalt. Sie führte dann über Gröbzig nach Gerlebogk, wo sie zeitweilig die sogenannte Preußlitzer Kohlenbahn*  mitbenutzte.

* Preußlitzer Kohlenbahn – Von Gerlebogk aus war 1853 eine 7,1 km lange normalspurige Güterbahn nach   Biendorf an
   der damaligen Anhalt-
Cöthen - Bernburger Eisenbahn gebaut worden, die ab 1857 auch dem öffentlichen Verkehr
  (hauptsächlich Kohlentransport) diente.
 

Die NGE erbrachte vorrangig Leistungen im Güterverkehr, der Personenverkehr blieb bei einem Minimum. Den Frachtgüter-Transport bestellten vor allem die Braunkohle gewinnenden und verarbeitenden Betriebe im Raum GerlebogkPreußlitz und die Zuckerfabriken. Hinzu kam, dass die reichen landwirtschaftlichen Güter der ertragreichen Fuhne-Niederung schnelle Transportwege brauchten.
1897 forderte die Stadt Löbejün, die wegen der für den Bahn-bau ungünstigen Lage am Petersberg (250 m) und den nahe gelegenen Steinbrüchen keinen Bahnanschluss erhalten hatte (zur Strecke Halle–Aschersleben–Halberstadt MHE)**, den Bahn-bau und damit die Verbindung zu Industriebetrieben im Raum Gerlebogk und Preußlitz. Andererseits bot sich über Nauendorf eine günstige Verbindung nach Halle/Saale an. Die KPEV und die Verwaltung des Saal-kreises hielten jedoch einen Bahnbau in der Fuhne-Niederung für unwirtschaftlich. Anders schätzte die Eisenbahnbau-Gesellschaft „Burchard  & Co.“, Berlin die wirt-schaftliche Situation der Strecke (Köthen)–Gerlebogk– Gröbzig–Löbejün–Nauendorf ein. Wie damals üblich, lag eine größere Anzahl von Entwürfen für die Linienführung vor. Oft wurde ein Anschluß an die Strecke Köthen–Halle in Stumsdorf vorgeschlagen. Die Saalkreis-Verwaltung verlor schließlich das Interesse an diesen Projekten.
                                                                                Karte rechts: Streckenverlauf der NGE und der sie tangierenden Linien

 

 

 

 

 

 

 

 

** MHE – Magdeburg-Halberstedter Eisenbahn    

Im Jahre 1892 schlug dann die Vereinigte Eisenbahnbau- und Betriebs-Gesellschaft vor, eine Bahn von Nauendorf über Löbejün und Gröbzig bis Gerlebogk zum Anschluss an die Preußlitzer Kohlenbahn zu bauen. Die Saalkreis-Verwaltung wollte nun dieses Projekt unterstützen. Der Magistrat der Stadt Löbejün betrachtete das Vorhaben als Lebensfrage und drängte zum Bau. Ähnliche Bestrebungen zeigte die Stadt Gröbzig in Anhalt.

 

Schon im August 1898 wurde die Konzession für das preußische Gebiet (7,9 km Trasse) vom Regierungs-präsidenten des Regierungsbezirkes Merseburg ausgesprochen. Die herzoglich-anhaltische Regierung in Dessau hatte kurz vorher die Konzession erteilt.
Da die Bahn preußisches und anhaltisches Gebiet benutzte, mussten Staatsverträge zwischen diesen Staaten abgeschlossen werden, was schon im April 1898 geschah.
 

Am 24. Januar 1899 gründete man die Nauendorf-Gerlebogker Eisenbahn-Gesellschaft mit einem Aktienkapital von 1.600.000 RM, das hauptsächlich von Berliner und Halleschen Banken stammte. Der Sitz der Sitz der Gesellschaft war Berlin-Wilmersdorf.

Schon 1898 begann an verschiedenen Orten der Bahnbau. Es war das Jahr der intensivsten Bautätigkeit (sechs Brücken wurden errichtet).


Eröffnungs-Fahrplan der NGE vom 1. 10. 1900
_
Bahnpoststempel der NGE vom 4. 5. 1903
Webpräsentation des Vereins

 „Kleinbahnfreunde Löbejün e.V.“


(Klick auf Vereinsname!)
 

 

 

 

Am 2. Mai 1900 war die Strecke von Nauendorf bis zur Landesgrenze an der Fuhne soweit fertiggestellt, daß die polizeiliche Abnahme am 23. Mai erfolgte. Da auch der anhaltische Teil bis Gröbzig nach Vollendung der Anschlußgleise in Nauendorf eröffnet wurde, fuhr der erste planmäßige Zug am 18. Juli 1900 vormittags von Gröbzig nach Nauendorf und trat um 14.00 Uhr die Rückreise nach Gröbzig an. Ein Festkommers wurde dann in Gottgau absolviert.


Die Nauendorfer Bahnhöfe - oben rechts von der NGE und links von der KPEV
(Ausschnitt einer Ansichtskarte nach der Jahrhundertwende 19./20. Jh.)
 

 

 

 

 

 

 


unten links: Empfangsgebäude des Bahnhofs Gröbzig (Foto von 1905)  

Ohne besondere Feierlichkeiten verlief die Eröffnung der gesamtem Strecke bis Gerlebogk am 5. Oktober 1900.
Die Baukosten für die gesamte Strecke betrugen 1.668.981 RM.
Kurz nach der Eröffnung der Bahn kam es zur vertrag-lichen Übernahme der Betriebsführung durch die NGE auf der Preußlitzer Kohlenbahn mit Wirkung vom 1. 1. 1901 (einschließlich Reisezugverkehr und Bahnpost bis zum Bahnhof Biendorf).
Mit Beschluß der Generaversammllung übernahm die Vereinigte Eisenbahnbau- und Betriebs-Gesellschaft die Betriebsführung auf der Nauendorf-Gerlebogker Eisenbahn. Die NGE gab ferner bekannt, daß mit Wirkung vom 15. Oktober 1900 sämtliche Stationen im direkten Verkehr mit der KPEV und den nördlichen thüringischen Privat-Bahnen einbezogen seien und eine Umkartierung (der Fahrkarte/Frachtschein) in Nauendorf oder Gerlebogk (auch im Frachtverkehr) in Wegfall käme, wodurch eine spürbare Erleichterung im Verkehrsablauf zu verzeichnen war.

Durch die positive Entwicklung im Güterverkehr galt die Nauendorf-Gerlebogker Eisenbahn immer als wirtschaftlich . Von den zahlreichen älteren Projekten zur Linienführung der Bahn, von denen bis in den 1920er Jahren immer wieder einige auftauchten, blieb als einziges Vorhaben der Bau der Anschlußbahn Gottgau – Plötz (2,9 km Streckenlänge) übrig (gebaut 1921).
Gleichzeitig zeichnete sich die Rationalisierung des Güterverkehrs besonders durch die Beschaffung von neuen leistungsstarken Lokomotiven aus.

 
                                                                    Abfahrbereiter Personenzug am Bahnsteig  des Gröbziger Bahnhofs
(Foto von 1905)

 

Der Gerlebogker Bahnhof (re) und jenseits der Gleise die Zuckerfabrik (li)
(Ausschnitt aus einer Ansichtskarte vom Anfang 20. Jh.)

 

Trotz des Auslaufens der Braunkohlen-Gewinnung und
-Verarbeitung sowie der Stillegung der Zuckerfabrik Gerlebogk, mit der ein Vertrag zur Verladung von Zuckerrüben (NGE-Zufa.) auf einem speziellen Ladegleis der Edderitzer Industriebahn bestand, konnte die NGE weiterhin ihren Stand sichern.
Während des II. Weltkrieges mußte der Kraftverkehr, der sonst eine starke Konkurrenz war, den Personenverkehr an die Bahn abgeben. Ab 1. Januar 1942 ruhte der Omnibus-Verkehr.
                                                                      Zuckerfabrik Gerlebogk

                       
Das Franzkohlenwerk mit Brikettfabrik in Gerlebogk
 


 Am 1. Mai 1943 gab die Betriebsabteilung Halle der Lenz & Co. GmbH Berlin die Rechte der Betriebsführung an die Allgemeine Deutsche Eisenbahn-Betriebs-Gesellschaft ab. Die NGE überstand den II. Weltkrieg ohne größere Schäden, der Betrieb wurde nach der Besetzung durch die US-Armee kurzzeitig unterbrochen und ab den 1. Juli 1945 nach der Übernahme des Gebietes durch die Rote Armee nacheinander wieder in Vollbetrieb genommen.
Zum 1. Juni 1946 wurde das Vermögen der NGE staatlicher Verwaltung unterstellt und im Dezember 1946 den Sächsischen Provinzbahnen zugeordnet sowie das gesamte Inventar in Volkseigentum überführt.
Mit Wirkung vom 1. April 1949 hatte die Deutsche Reichsbahn (DR) das Nutzungsrecht übernommen.

 

 

Auf der Relation (Strecke) Nauendorf–Löbejün–Gerlebogk erbrachte ein Dieselleichttriebwagen die meisten Leistungen im Reisezugverkehr. Als Ende der 1950er Jahre der Kraftverkehr allgemein weiter ausgebaut wurde, nahm der Reiseverkehr auf der ehemaligen NGE-Strecke spürbar ab; und am 28. September 1963 verkehrte der letzte Reisezug.

 

Auf der Relation (Strecke) Nauendorf–Löbejün–Gerlebogk erbrachte ein Dieselleichttriebwagen die meisten Leistungen im Reisezugverkehr. Als Ende der 1950er Jahre der Kraftverkehr allgemein weiter ausgebaut wurde, nahm der Reiseverkehr auf der ehemaligen NGE-Strecke spürbar ab; und am 28.September 1963 verkehrte der letzte Reisezug.

 

Den Güterverkehr konnte die Bahn zunächst noch übernehmen und arbeitete ohne wesentliche Einschränkung weiter. Aber der Zustand des Gleisoberbaues war so marode, daß eine größere Investition nötig gewesen wäre, die Strecke wieder voll funktionsfähig zu machen. Diese Investition erfolgte nicht, so daß die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit zwischen Nauendorf und Löbejün auf 20 km/h  und weiter bis Gröbzig nur noch auf 10 km/h begrenzt wurde. Zudem ging noch das Güterauf-kommen erheblich zurück. In dieser Lage beschloß die DR, bis zum 31. Dezember 1973 alle Anschlüsse still zu legen und die Strecke von Gerlebogk bis Gottgau abzubauen. Löbejün wurde als Wagenladungsknoten bestimmt.

 


Nachdem 1992 die Zuckerfabrik Löbejün in Gottgau geschlossen wurde, entfernte man auch das Gleis Gottgau–Löbejün (bis zum 23.05.1993). Da die Deutsche Bahn (DB) nicht mehr über die zum Steintransport nötige Wagenart verfügt, kursieren Wagen der verschiedensten Privatbahnen auf dem Rest-stück Löbejün–Nauendorf. Als Lokomotiven sind größere Dieselloks (z.B. ex V 200 oder ex V 232) in den unterschiedlichen Farbgebungen im Einsatz (Stand 2001/ 2002).
Empfangsgebäude Bahnhof Löbejün, Anfang 20. Jh.

                
links: Bf. Löbejün, Lokschuppen, rechts: ehem. Empfangsgebäude Bahnhof Löbejün (Fotos: März 1987)
 
Streckenbeschreibung  

Die topografischen Bedingungen für den Bahnbau waren gut. Von Gerlebogk bis Gottgau ist keine nennenswerte Neigung zu finden. Erst die Ausläufer des Petersberges (250 m) lassen eine größere Neigung erkennen, so daß der Bahnhof Löbejün in einer Spitzkehre angelegt werden mußte. Die NGE führte ihre Strecke von hier auf steigender Trasse, einen großen Bogen (über West nach Südost) schlagend, an die KPEV-Strecke Halle–Halberstadt heran (Bhf. Nauendorf).
Auf den Bahnhöfen Löbejün und Gröbzig waren zweigeschos-sige Empfangsgebäude aus massiven Ziegelmauerwerk, teils Fachwerk mit Ziegelausfüllung, errichtet worden.
Das Empfangsgebäude in Gröbzig besaß nur ein Pappdach. An den Haltepunkten Gottgau (später Bahnhof), Werdershausen (bereits 1936 abgerissen) und den Endpunkten Nauendorf und Gerlebogk wurden kleine Empfangsgebäude mit Ziegelfach-werk und Pappdach von kreuzförmigen Grundriss erbaut. Die Bahnsteiglängen betrugen zwischen 50 und 60 m. Signale besaßen die Bahnanlagen nicht. Anfangs wurde die Verständi-gung zwischen den Stationen mit Morseapparaten vorgenommen, später schaffte man Telefonapparate an.


 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kilometrierung   km Status
Nauendorf Nord
Domnitz (Kautzenberg)
Löbejün
Gottgau
Werdershausen
Gröbzig
Gerlebogk-Nord
  0,0
  2,9
  4,7
  6,9
  8,6
11,3
15,2
Bf.
Hp.
Bf.
Bf.
Hp.
Bf.
Bf.
Preußlitz
Biendorf, Gerlebogker Bf.
18,0
22,1
Preußlitzer Kohlenbahn
Bf. - Umstieg zum Bf. Biendorf
(Anhalt-Cöthen - Bernburger Eisenbahn)
Alle Strecken waren eingleisig ausgeführt.  
 
Fahrzeuge, Anschlußbahnen  

Zu Beginn wurden zwei Tenderlokomotiven der Bauart T3 beschafft, 1905 kam noch eine dritte hin-zu. Dazu besaß die Bahn sechs Personenwagen und achtzehn Güterwagen. Die Fahrzeuge waren mit der Seilzugbremse ausgerüstet. Ende der 1920er Jahre wurden schwerere, vierachsige Lokomotiven für den Güterzugverkehr angeschafft. Zehn Jahre später folgten noch zwei neue vierachsige Hochdruckdampflokomotiven, die bis in die 60er Jahre Dienst taten. Öfter kam es unter der Regie von Lenz & Co. zum Austausch der Fahrzeuge mit anderen Bahnen, hauptsächlich wenn ein Fahrzeug in der Werkstatt war. Die DR/DB setzte zuletzt Diesel-lokomotiven der Bauart V60 ein.

 
rechts: Die letzte für die NGE beschaffte Lok Lok-Nr. 181 bei DR 926587,
Hersteller: Krauß FN 8191Jahr 1930,
Dh 2t Gt 4415 ELNA

 

 

 

unten links: Lok Löbejün

 

                        

 

 

 
Gerhard Zieglgänsberger  
 
Bildbearbeitung und Bildtexte: Hans-Jürgen Janik Alle Bilder aus der Sammlung G. Zieglgänsberger