Der askanische Bär als Wappentier

aus dem Bernburger Heimatkreis „Der Bär“ 
von Joachim Grossert, Dessau

 
 

Was hat Bernburg, was andere Städte nicht haben? Zunächst einmal ein malerisch auf einem Sandsteinfelsen über der Saale gelegenes Schloss, ein wundervolles kleines Theater, eine Eulenspiegelepisode im bekannten mittelalterlichen Volksbuch, ein Regierungsgebäude am Markt – in dieser Mischung ist Bernburg einmalig. All dies hängt mit dem Status als Residenzstadt eines kleinen deutschen Staates zusammen. In der öffentlichen Diskussion ist zurzeit, inwieweit sich die Bernburger mit der spannenden Geschichte ihrer Stadt identifizieren.
So ganz pessimistisch braucht man jedoch nicht zu sein: Bereits der Titel des Mitteilungsblattes des Bernburger Heimatkreises beweist, dass man sich der askanisch-anhaltischen Wurzeln wohl bewusst ist. Der folgende Beitrag soll aufmerksam machen auf die erstaunliche Verbreitung, die das ursprüngliche Wappentier der Bernburger Herrschaft, der Bär, gefunden hat.

 
Stammen der Bernburger und der Berliner Bär aus der selben Wurzel?

Während sich in der Neuzeit die Askanier-Besitzungen auf der deutschen Landkarte mit den anhaltischen Ländern recht bescheiden abbilden, gehörten die Askanier im Mittelalter zu den mächtigsten Adelsgeschlechtern im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Besonders Albrecht der Bär vermehrte ab 1150 mit der Mark Brandenburg die Besitzungen der Askanier um ein beträchtliches Stück. Seine Kinder, Enkel und Urenkel bauten diesen Besitz zunächst noch aus, die ständigen Landesteilungen unter den männlichen Nachkommen führten aber langfristig zum Bedeutungs- und Landverlust. Albrecht gilt bis in die heutige Zeit als der größte des aus Aschersleben stammenden Adelsgeschlechts – der Bär als askanisches Wappentier hat in ihm seinen Ursprung. Ob es sich beim Berliner Bären jedoch um einen askanischen Bären handelt, ist unter Historikern strittig und wird zweifelsfrei nie geklärt werden. Es existieren schlicht keine schriftlichen Zeugnisse, die als Belege hierfür dienen könnten. Allerdings können die Bernburger sich der Aufmerksamkeit ihrer Gäste sicher sein, wenn sie auf die mögliche nahe Verwandtschaft ihres und des Berliner Bären verweisen.
Die deutsche Hauptstadt wurde als Cölln 1237 erstmals erwähnt (Berlin 1244). Der Doppel-Stadt wurde von askanischen Markgrafen das Stadtrecht verliehen. Zur 750-Jahr-Feier der Stadt entstand vor der Nikolaikirche ein überdimensionierter Bronzeabguss eines Siegels mit einer Umschrift, der an die Stadtrechts-Erklärung erinnert:

 

 

 

 

 

 

 

„Um 1230 verliehen die askanischen Markgrafen Johann I. und Otto III., 
Urenkel Albrecht des Bären, der vorstädtischen Siedlung Berlin das Magdeburgisch-Brandenburgische  Stadtrecht
.“

 

Das vor der Nikolaikirche im gleichnamigen Viertel in
Berlin-Mitte liegende Riesen-Bronzesiegel

Die Abbildung des ältesten erhaltenen
Siegel Berlins von 1253 
 

 

 

 

 

Die Siegel wurden im Mittelalter von den Fürsten verliehen. Das erste Siegel Berlins von 1253 zeigte einen Adler – als Wappen der rote Brandenburgische Adler – auch eine askanische Erfindung. 1280 tauchte erstmals ein Bär im Siegel auf, und zwar als Schildhalter.

 

 

 

 

 

 

Das große Wappen von Berlin des Jahres1709, verliehen am 6. 2. 1710. Die Buchstaben SCB unter dem Wappen sind die Abkürzung für SIGILLVM CIVITATIS BERLIN - Siegel der Stadt Berlin. Die sphragistischen  Ahnen des Berliner Wappenbären - ein Bärenpaar im zweiten Stadtsiegel von 1280       
Sphragistik - Siegelkunde
 

Interessant ist eine weitere Parallele zwischen Bernburg und Berlin: der Bärenzwinger (bzw. als sanierte Nachwende-Anlagen: das Bärengehege) als Herberge der lebenden Wappentiere.
Während sich Bernburg bereits bald nach 1859, als Premierleutnant Steinkopff der Stadt den Bären „Lazi“ schenkte, einen Zwinger zulegte, wurde in Berlin der Wunsch nach einer ähnlichen stadttypischen Anlage erst zur 700-Jahr-Feier 1937 sehr allgemein.
Zwei Wochen vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges konnte endlich der Zwinger im Köllnischen Park nahe der S-Bahn-Station Jannowitzbrücke eingeweiht werden.  

 

Der Bär im askanischen Familienwappen

 

In der Literatur als Abbildung und in Stein gehauen in anhaltischen Schlössern sieht man häufig das zwölfteilige Familienwappen der Askanier. Der Bär ist gleich zweimal vertreten: in der zweiten Reihe links (heraldisch rechts) und in der unteren Reihe rechts (heraldisch links). Dieses große Wappen freilich existiert so erst seit dem 18. Jahrhundert und ist eine Zusammensetzung einzelner anhaltischer Besitzungen. Der nach rechts (heraldisch links) schreitende Bär wird dabei häufig dem sagenhaften Adelsgeschlecht der Behringer zugeordnet, manchmal auch der Herrschaft Bernburg. Der in die andere Richtung laufende Bär gehört eindeutig der Herrschaft Bernburg. Den Bären erstmals nachweisbar als Wappentier verwandte der Bernburger Fürst Bernhard III. (gest. 1348; nebenbei war er wohl auch das Opfer des berühmten Eulenspiegel-Streiches). Zur Zeit Fürst Wolfgangs verwendeten die anhaltischen Fürsten ein geviertes Wappen, in dem zwei Bären und zwei geschachte Felder für Aschersleben vertreten waren. Bereits im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit war der Bär also über Bernburg hinaus zum Symboltier der Askanier geworden.


Das große Wappen des Herzogtums Anhalt von 1887

Fürstlich-Anhaltisches Wappen um 1540

Abbildung aus: 
Werner Freitag/ Michael Hecht (Hg.)
Die Fürsten von Anhalt
mdv Halle (Saale) 2003
 

 

Landeswappen

Zum Kennzeichen für ganz Anhalt wurde der „Bernburger“ Bär 1924, als sich der Freistaat Anhalt von den alten Adelswappen trennte und den Bären – befreit von Halsband und Krone - auf eine horizontale Mauer stellte. Als Zeichen für die neue, demokratische Ordnung, die nun (für ein paar Jahre) herrschte, verzichtete man auf das geschlossene Tor in der Mauer. In dieser Form gelangte der Bernburger Bär 1991 wiederum in das Landeswappen Sachsen-Anhalts.

Kommunalwappen

Erst 1936 teilte der anhaltische Staat den 4 Landkreisen Wappen zu (Zerbst, Dessau-Köthen, Bernburg, Ballenstedt). Das Fehlen der kommunalen Selbstverwaltung ließ einheitliche aus vier Feldern bestehende Wappen entstehen mit dem Bären im Herzschild. Nur bis 1945 dienten sie als Hoheitszeichen.
Die Wende nach dem Ende der DDR ließ die Tradition der Landkreiswappen wieder aufleben. In Bernburg unter Landrat Roland Halang erinnerte man sich glücklicherweise des bernburgisch-askanischen Bären.  
Ein Novum sei hier angemerkt: Das offizielle Landkreis-Wappen ist als einziges Kommunalwappen in Sachsen-Anhalt nicht in der Schildform abgebildet. Sicher bleibt es jedoch in dieser schönen Form erhalten, bis der Landkreis als solcher selbst Geschichte ist. Außer im Landkreis Bernburg finden wir den Bären auch in An-halt-Zerbst und in Aschersleben-Staßfurt.
  
Auf ein viel höheres Alter als die Landkreisbären können die Bären der Städte-Wappen verweisen. Sie laufen, stehen oder sitzen in den Wappen von 9 anhaltischen Städten: Hoym, Gröbzig, Günthersberge, Güsten, Radegast, Raguhn, Roßlau, Sandersleben und Zerbst.
Die Zeit der Kreis- und Städtefusionen steht unmittelbar bevor – und dann gibt es wieder viele neue Wappen!
Achten wir auf den Bernburger Bären in den kommunalen Wappen!

Wappen Sachsen-Anhalt
Oben: aktuelles Landeswappen
Sachsen-Anhalt
Links: Wappen des Freistaates Anhalt 1924
 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

    
LK Anhalt-Zerbst
 Kreiswappen Roßlau
LK Roßlau
Der  Landkreis Anhalt-Zerbst hat 1995 das bereits 1936 dem alten Kreis Zerbst verliehene Wappen wieder übernommen (li.). Der Landkreis Roßlau wurde 1952 aus dem östlichen Teil des LK Zerbst gebildet. Das Kreiswappen (re.) entstand 1991 und bezog sich auf die Zugehörigkeit zum ehemaligen Freistaat Anhalt und auf die auf seinen Gebiet bis 1809 bestehende Komturei des Deutschen Ordens (Ordenskreuz) in Buro (heute Ortsteil von Klieken). 1994 entstand durch Zusammenlegung der LK Zerbst und Roßlau mit Teilen des LK Gräfenhainichen (Wörlitzer Winkel) der Landkreis Anhalt-Zerbst.


LK Bernburg

Kreiswappen Aschersleben
LK Aschersleben
 

LK Aschersleben-Staßfurt
Der Landkreis Aschersleben bestand von 1990 bis 1994 und wurde dann mit dem LK  Staßfurt zusammengelegt. Das Ascherslebener Kreiswappen zeigt demnach die Schilde der Territorien aus deren Teilen sich der Kreis bildete: Balkenschild und Bär stehen für Ballenstedt und Anhalt, roter Adler und der rot-weiß gespaltene Schild für Brandenburg und Halberstadt (Bistum/Herzogtum). Der geschachte Herzschild für die historische Grafschaft/Fürstentum Anhalt-Aschersleben.
LK Aschersleben-Staßfurt:
geschachtes Feld für Aschersleben (Askanien), das Bären-Feld für übrige anhaltische Gebiete,  der Adler für ehem. preußische Gebiete und das rot-weiße Feld für Magdeburg (Erzbistum/ Herzogtum).
 
Anhaltische Orte mit dem Bären in ihrem Wappen  
Wappen Güntersberge Wappen Güsten
Güntersberge Hoym Sandersleben Güsten Gröbzig
         
Wappen Raguhn  
Radegast Raguhn Roßlau Zerbst  
 
   
Nachtrag 2011  
Nach der Fusion der Städte Dessau und Roßlau und der 2. Kreisgebietsreform im Jahre 2007 entstanden mit den neuen Kreisen und Städten auch neue Wappen.
So ging das Roßlauer Wappen in das Dessauer als 4. Wappenfeld ei. Der Bär auf dem Segel ist nun deutlich kleiner, aber hat sich behauptet.
Durch die Kreisfusionen verschwanden mit den Landkreisen Bernburg und Aschersleben-Staßfurt auch die Bären  in deren Wappen. Der Bär erschien aber im Wappen des neuen Salzlandkreises (LK Bernburg, LK Schönebeck, LK Aschersleben-Staßfurt) in der gleichen Darstellung wie im ehemaligen Landkreiswappen Bernburg.
Die Kreisgebietsreform schickte das schöne Zerbster Landkreiswappen in die Geschichte, aber dafür wurde in Anlehnung an das Freistaatwappen ein anhaltisches Wappenfeld ins Wappen des neugebildeten Landkreises Anhalt-Bitterfeld (LK Köthen, LK Bitterfeld und der vornehmlich anhaltische Teil des LK Anhalt-Zerbst) aufgenommen.
Durch den Zusammenschluss der Stadt Hoym mit den Gemeinden Friedrichsaue, Frose, Nachterstedt, Schadeleben und später Gatersleben entstand im Rahmen der Gemeindegebietsreform die Einheitsgemeinde Seeland. Der anhaltische Bär fand Aufnahme in das neu geschaffene Gemeindewappen. Wappen Stadt Seeland
Hans-Jürgen Janik  
















Weiterführendes im Internet:               www.berliner-baer.de                    www.wappenserver.de  
Literatur:
Schönemann,Otto:            Das Wappen der Herzöge von Anhalt. – In: Bernburger Kalender 1932

Hecht, Michael:                Landesherrschaft im Spiegel der Heraldik: Das große Wappen des Fürstentums 
                                        Anhalt in der frühen Neuzeit. In: Sachsen und Anhalt, Bd. 22: 1999/2000
 
  
Machatscheck, Heinz     Als der Wappenbär geboren wurde - Aus der Geschichte der Berliner Wappen
                                                     
Berlin-Information 1987