Köthener Veranstaltungsbericht April 2007
Hofrat Rudolf Bunge – Erinnerungen zum 100. Todestag  
Vortrag von Herrn Dr. Gernot M. Grohs und
Konzert mit Gernot M. Grohs (Violoncello) und Prof. Ulrich Urban (Klavier)
 
Freitag, den 25. 04. 2007, 18.00 Uhr im Spiegelsaal, Schloß Köthen
Gemeinsame Veranstaltung des VAL mit der Kreisvolkshochschule
 
     

Mit einer Vortrags- und Konzertveranstaltung im Spiegelsaal des Köthener Schlosses wurde die Erinnerungs-reihe an die Musiktraditionen des 19. Jh. im Herzogtum Anhalt  – einer besonders ertragreichen  kulturellen Schaffensperiode im alten Anhaltland  –  fortgesetzt.
Wiederum hatte sich der Leiter der Kreismusikschule, Dr. Gernot M. Grohs, dabei engagiert und die Thematik über eine intensive Durchsicht vorhandener Archivalien  erarbeitet.

 

Vorgestellt wurde das Schaffen des in der Region und darüber hinaus einst recht bekannten Dichters, Poeten, Opernlibrettisten und Musik-wissenschaftlers, des Geheimen Hofrats Rudolf  Bunge.
Im Jahr 1836 in Köthen als Sohn eines Lederfabrikanten geboren, studierte er in Paris Geschichte und Literatur und lebte einige Jahre in Frankreich und Italien. Danach übernahm er die Köthener Fabrik seines Vaters, übergab sie aber bald einem jüngeren Bruder, um ganz seinen literarischen Neigungen nachgehen zu können. Er lebte zuletzt abwechselnd in seiner Heimatstadt und im Karpatengebirge und starb 1907 in Köthen.
Aus seiner Feder stammen Opernlibretti, patriotische Dramen, Gedichte, auch Romane und musikwissenschaftliche Aufsätze. Seine thematisch-vielseitigen sowie kritischen Arbeiten sind mit bemerkenswertem Fleiß und Ausdauer im aktuellen Lebensumkreis (etwa den Nachwirkungen der demokratischen Bewegungen der 1848er Revolution, der Zeit der Reichsgründung von 1871, des Kulturkampfes und klerikaler Auseinandersetzungen der Bismarck-Ära u. a.) entstanden.


Der herzoglich-anhaltische Geheime Hofrat
Rudolf Bunge (1836 – 1907)

Bunge gewann gegen Ende des 19. Jahrhunderts deutschlandweite  und internationale Aufmerksamkeit als  Autor des Textbuches  zur  Oper „Der Trompeter von Säckingen“, die von dem Leipziger Komponisten  Viktor E. Nessler vertont wurde. Dieses Werk erlebte seit seiner Uraufführung 1884  weltweit  mehr als 6000 Auffüh-rungen.
Von zahlreichen Komponisten des 19. Jahrhunderts wurden seine Gedichte vertont, so von Eduard Thiele, dem letzten Köthener  Hofkapellmeister.
Auch seine Tragödie „Der Herzog von Kurland“ mit u. a. einer Aufführung am Dessauer Hoftheater, 1869 vom „Schettler’schen“ Verlag in Köthen gedruckt, machte ihn bekannt.

 

 

 

Mit dem dokumentierten Treffen der „Altcöthener Versammlung“ von 1905 ist eine weitere umfangreiche Aktivität von R. Bunge zum Begriff geworden,  mit der eine über 40-jährige Forschungsarbeit zur Köthener Musikgeschichte bis ins 18. Jh. zurückreichend verbunden ist.
Bleibenden Verdienst um die Köthener Bachforschung erwarb sich Bunge, weil er der erste war, der Veröffentlichungen aus Erkennt-nissen von Kammerrechnungen aus  Archiven des damaligen Köthener  Fürstenhofes zur ehem. Köthener Hofkapelle und Johann Sebastian Bachs Beziehungen zu Köthen vornahm. Seine Ergebnisse veröffentlichte er im „Bachjahrbuch 1905“ der Leipziger Bachgesell-schaft. Das war der Beginn der wissenschaftlichen Bachforschung zu Leben und Werk des großen Komponisten als Köthener Hofkapell-meister. Sein Beitrag dazu ist als Antwort und Widerlegung auf die in der seinerzeitig aktuellen Bach-Biografie des Musik-wissenschaftlers Ph. Spitta enthaltene schwermütige Elegie, dass in Köthen „...auch nicht die leiseste Erinnerung mehr“ über ihn (J. S. Bach) zu finden sei, anzusehen.
 

Im Anschluss an den Vortrag folgten  Solobeiträge für Klavier (Prof. U. Urban, Leipzig) und gemeinsam mit Violoncello (G. M. Grohs) mit anspruchsvollen und beeindruckenden Kompositionen von Richard Wagner, Franz Schubert. sowie einem eigenen Werk der Moderne von Grohs.
Als Verdienst der Durchführung der  Köthener Vortragsreihe ist hervorzuheben, dass nach fast einem Jahrhundert dem Schicksal des Vergessenseins  jener Vertreter eines interessanten Kulturkreises des alten Anhalt  durch  würdigendes Nachdenken  und Interpretieren  begegnet werden konnte.

 

 

 

Der Vortrag von Dr. Gernot M. Grohs wird in dem gegenwärtig in Vorbereitung befindlichen 16. Jg. der „Mitteilungen des Vereins für Anhaltische Landeskunde“  im Druck erscheinen; ein weiterer Beitrag von ihm ist bereits  im 13. Jg. enthalten:  „– Ein vergessener Köthener – der Komponist Friedrich Gottlieb Fleischer (1722 – 1806)“.

 
     
Johannes Freundel    
     
Bildbearbeitung: Hans-Jürgen Janik