Exkursion: Das WASAG-Werk, Segen und Fluch für die Stadt Coswig (Anhalt)

Der Vortragsraum der Arbeiterwohlfahrt in der Elbstraße 1 in Coswig war am 11. Mai 2019 trotz des regnerischen Wetters bis auf den letzten Platz gefüllt. Manfred Ertelt hatte als Einstieg für die Exkursionsteilnehmer einen Vortrag vorbereitet. Die Exkursion selbst würde dann in das ehemalige WASAG-Gelände in Coswig führen. Manfred Ertelt, der Mitglied des Coswiger Heimatvereins ist, hat fast sein ganzes Arbeitsleben im Chemiewerk Coswig, dem WASAG-Nachfolgebetrieb, verbracht. Er beschäftigte sich intensiv mit der Betriebsgeschichte und gilt heute als ausgewiesener Experte in Sachen WASAG.
Die Abkürzung WASAG steht für Westfälisch-Anhaltische Sprengstoff-Actien-Gesellschaft. Sie wurde 1891 von westfälischen Bergbauunternehmern und Bergingenieuren unter Leitung des Sprengstoffchemikers Dr. Max Bielefeldt gegründet. Ziel war es, das schwedisch-britische Dynamit-Monopol der Nobel AG zu brechen. Bielefeldt hatte seine Eigenentwicklungen durch Patente schützen lassen und damit gute Chancen, sein Ziel zu erreichen. Von britischer Seite versuchte man, die Firmengründung in Coswig zu verhindern. Beschwerden und gerichtliche Klagen verunsicherten die anhaltische Regierung, so dass man 1894 auf preußisches Gebiet in Reinsdorf bei Wittenberg auswich. In Coswig wurden daraufhin die Nicht-Sprengstoff-Anlagen des Werkes in Betrieb genommen. Das Coswiger Werk produzierte Superphosphat und Schwefelsäure und hatte für den Massengüterumschlag seiner Rohstoffe (Pyrit und Rohphosphat) eine eigenen Hafenanlage an der Elbe.
Im Zuge der nationalsozialistischen Kriegsvorbereitung wurden auch in Coswig nicht nur Düngemittel, sondern auch fertige Sprengstoffe hergestellt. Während des 2. Weltkrieges weitete die WASAG die Rüstungsproduktion erheblich aus und beschäftigte auch Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion, Polen, Frankreich und den Niederlanden. Am 14. November 1944 ereignete sich im Coswiger WASAG-Werk ein schweres Explosionsunglück. 105 Menschen starben, etwa 200 wurden verletzt.

Nach 1945 wurde das WASAG-Werk zum Teil demontiert und in Volkseigentum überführt. Etwa ab 1953 errichtete man neue Anlagen zur Produktion von Schwefelsäure und Düngemitteln. Nach 1990 wurde ein kleiner Betriebsteil als Anhaltische Düngemittelfabrik weitergeführt. Auf dem Betriebsareal siedelten sich verschiedene mittelständische Firmen an.
Nach dem einleitenden Vortrag ging es für die Exkursionsteilnehmer ins Gelände der ehemaligen WASAG am Rande des Chemiestandortes. Hochgewachsene Bäume und Sträucher versperren jetzt die Sicht auf die Produktionsanlagen, die weiträumig mit gehörigem Abstand, verstreut sind. Fast ausnahmslos sind es bunkerartige Betongebäude, die zum Teil in den Erdboden eingegraben sind. Ohne eine sachkundige Führung kann man die Funktion und den Zweck der Anlagen kaum erkennen.
Wir laufen auf den ehemaligen Werkstraßen, schmalen betonierten Wegen, auf denen damals mit Elektrokarren die Rüstungsprodukte transportiert wurden. Auch heute noch ist zu sehen, wie bauliche Vorkehrungen getroffen wurden, um Schäden durch Explosionen gering zu halten. So sind die Dächer der Bauten sehr leicht gebaut, um den Druck nach oben zu lenken. Ein betonierter Durchgang durch einen Erdwall verläuft aus dem gleichen Grund nicht gerade, sondern mit einem Knick.
Zum Schluss wird jedem Teilnehmer klar, was das Motto der Exkursion bedeutete. Einerseits schuf die WASAG in Coswig einen großen Chemiebetrieb mit vielen Arbeitsplätzen. Andererseits bedeutete die Rüstungsproduktion eine große Gefahr für die Beschäftigten. Immerhin verlief der Weg des Coswiger Chemiewerks nach 1945 in friedlichen Bahnen und sicherte vielen Beschäftigten einen gut bezahlten Arbeitsplatz.
Lothar Jeschke

Der Vortragsraum der AWO war bis auf den letzten Platz besetzt.
Der Vortragsraum der AWO war bis auf den letzten Platz besetzt.

Der Vortragsraum der AWO war bis auf den letzten Platz besetzt.

Manfred Ertelt erläuterte die Geschichte der WASAG mit einem Lichtbildvortrag.
Manfred Ertelt erläuterte die Geschichte der WASAG mit einem Lichtbildvortrag.

Manfred Ertelt erläuterte die Geschichte der WASAG mit einem Lichtbildvortrag.

Ein Produktionsbunker der WASAG im Schnitt (links) und im Innern.
Ein Produktionsbunker der WASAG im Schnitt (links) und im Innern.

Ein Produktionsbunker der WASAG im Schnitt (links) und im Innern.

Heute sind die Produktionsanlagen im WASAG-Gelände von der Vegetation überwuchert.
Heute sind die Produktionsanlagen im WASAG-Gelände von der Vegetation überwuchert.

Heute sind die Produktionsanlagen im WASAG-Gelände von der Vegetation überwuchert.

Die Eingänge eines Produktionsbunkers. Die Exkursionsteilnehmer interessieren sich lebhaft für diese Anlagen.
Die Eingänge eines Produktionsbunkers. Die Exkursionsteilnehmer interessieren sich lebhaft für diese Anlagen.

Die Eingänge eines Produktionsbunkers. Die Exkursionsteilnehmer interessieren sich lebhaft für diese Anlagen.

Ein Bunker, der nach 1945 von der Sowjetarmee gesprengt wurde.
Ein Bunker, der nach 1945 von der Sowjetarmee gesprengt wurde.

Ein Bunker, der nach 1945 von der Sowjetarmee gesprengt wurde.

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