Vor 80 Jahren, am 9. November 1938, brannten in Deutschland Synagogen, ein wütender Mob verwüstete und plünderte jüdische Geschäfte. Es war der Beginn der lange vorbereiteten Judenvernichtung, die mit Boykottaufrufen und den Nürnberger Gesetzen begann.
In Zerbst erschien an diesem Tag eine Zeitung mit der Aufforderung „Wir rufen auf zur Abrechnung mit den Juden, der feindlichen Brut inmitten unter uns”. Am 10. November 1938 ließen die nationalsozialistischen Machthaber auch in Zerbst den „Volkszorn“ wüten. Zwar wagten die Täter es nicht, wegen der Nähe zu Wohnhäusern die Synagoge in der Brüderstraße in Brand zu stecken, aber sie wurde geschändet, geplündert und die Inneneinrichtung zerstört. Auch im angrenzenden jüdischen Gemeindehaus tobten sich die Nazis aus. Es sollen „stadtbekannte Rowdies und Schläger“, gewesen sein, die „zumeist der SA angehörten“, berichten Zeitzeugen. Der Kantor der Zerbster Gemeinde soll die Reste der verschmutzten und zerrissenen Thorarollen nach jüdischem Brauch beerdigt haben. So schlimm diese Zerstörungen waren, schlimmer war das Verhalten der Bevölkerung. Niemand wagte es, aufzubegehren und nur wenige halfen den jüdischen Mitmenschen, mit denen man vorher friedlich zusammengelebt hatte.
An diese Ereignisse, die historischen Zusammenhänge und die Lehren für die heutige Zeit erinnerte Agnes-Almuth Griesbach, Leiterin des Zerbster Stadtmuseums am 8. November 2018 in einer Gedenkveranstaltung. Zerbster Bürger, Kommunalpolitiker und Mitglieder der Regionalgruppe Anhalt-Zerbst des VAL hatten sich im Zerbster Museum zusammengefunden, um sich selbst daran zu erinnern und interessante Dinge über das jüdische Leben in Zerbst zu erfahren. Schon in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts lebten Juden in Zerbst. Wie Frau Griesbach berichtete, waren sie im sogenannten Judenwinkel in der Nähe des Marktes ansässig, unterstanden direkt dem Fürsten und mussten sowohl ihm als auch der Stadt Steuern und Sonderabgaben zahlen. Im 15. Jahrhundert scheinen die Juden aus Zerbst vertrieben worden sein, erst ab dem 17. Jahrhundert lässt sich jüdisches Leben wieder nachweisen.

1769 oder 1782 wurde ein jüdischer Friedhof angelegt, wenige Jahre später eine Synagoge errichtet. Erst hundert Jahre später gründete sich die Israelitische Kultusgemeinde, die 1905 am Ort der alten eine neue Synagoge und ein Gemeindehaus erbaute. Während der Weimarer Republik wanderten viele jüdische Einwohner aus, so dass um 1933 etwa noch 90 Personen in Zerbst lebten. Das Gemeindehaus diente nach 1938 den in der Stadt gebliebenen jüdischen Einwohnern als letzte Wohnstätte vor der Deportation in die Vernichtungslager.
Es ist, wie die Synagoge nach der Enteignung der jüdischen Gemeinde umgebaut und vom Roten Kreuz genutzt worden. Beide Gebäude wurden bei der Bombardierung der Stadt Zerbst am 16. April 1945 zerstört. Seit 1993 befindet sich hier eine Gedenktafel.
Agnes-Almuth Griesbach sprach auch über den historischen Antisemitismus, der in Zerbst vorhanden war. Hinweise darauf sind Abbildungen einer „Judensau“ an der Ruine der Nikolaikirche und auf zwei Balken von Kaufmannshäusern. Doch nicht nur die Geschichte der Juden in Zerbst stand im Mittelpunkt des Vortrags. Frau Griesbach zeigte auch interessante jüdische Kultgegenstände und die Gäste konnten das Challah-Brot probieren, das zu besonderen Festtagen gebacken wird.
Heute versuchen Politiker aus der rechten Ecke, Antisemitismus und die Verbrechen an den Juden zu relativieren. Das Erinnern, immer wieder, an das was damals geschah, ist deshalb so wichtig, auch wenn es schmerzhaft ist. Kommende Generationen sollen erkennen, dass unsere Vorfahren diese Verbrechen ermöglicht haben, weil sie weggeschaut, weil sie nicht nichts dagegen getan haben, als das noch möglich war.

Lothar Jeschke

In den Balken eines Zerbster Kaufmannshauses wurde diese
In den Balken eines Zerbster Kaufmannshauses wurde diese "Judensau" als Zeichen des Antisemitismus geschnitzt. Das Haus wurde in den achtziger Jahren abgerissen; der Balken befindet sich heute im Museum der Stadt Zerbst.

In den Balken eines Zerbster Kaufmannshauses wurde diese "Judensau" als Zeichen des Antisemitismus geschnitzt. Das Haus wurde in den achtziger Jahren abgerissen; der Balken befindet sich heute im Museum der Stadt Zerbst.

Die Veranstaltungsteilnehmer konnten auch ein Stück Challah-Brot, das zu besonderen jüdischen Festtagen gebacken wird, probieren.
Die Veranstaltungsteilnehmer konnten auch ein Stück Challah-Brot, das zu besonderen jüdischen Festtagen gebacken wird, probieren.

Die Veranstaltungsteilnehmer konnten auch ein Stück Challah-Brot, das zu besonderen jüdischen Festtagen gebacken wird, probieren.

Frau Griesbach zeigte interessante jüdische Kultgegenstände, die im Museum aufbewahrt werden.
Frau Griesbach zeigte interessante jüdische Kultgegenstände, die im Museum aufbewahrt werden.

Frau Griesbach zeigte interessante jüdische Kultgegenstände, die im Museum aufbewahrt werden.

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