Auf den Spuren eines anhaltischen Rebellen

Welches Dorf in Anhalt hat schon einen echten Rebellen unter seinen ehemaligen Einwohnern? Pülzig in der Nähe von Cobbelsdorf im Landkreis Wittenberg gelegen, hatte einen solchen Vorfahren. Er hieß Johann Christian Schmohl und wurde am 12. August 1756 in Pülzig geboren. Doch bevor die Ortschronistin Cornelia Richter am 22. Oktober 2016 zwölf Exkursionsteilnehmer des VAL zum Schmohl-Grundstück führte, war die Pülziger Sonnenkirche die erste Station des Rundgangs durch das Dorf. Die Sonnenkirche St. Jakobus besitzt als erstes Gotteshaus der evangelischen Landeskirche Anhalts eine Solaranlage. Wie Frau Richter erzählt, konnte sich die kleine Kirchgemeinde nie einen Elektroanschluss leisten und so gab es auch keine elektrische Beleuchtung beim Gottesdienst. Erst im November 2005 änderte sich das. Ein Solarpanel wurde am Turm angebracht und die entsprechende Technik in der Kirche installiert. Dabei zeigte sich der Vorteil der Sonnenkirche: Sie ist, sonst völlig unüblich, mit dem Turm nach Süden ausgerichtet. Die St. Jakobuskirche wurde 1895 eingeweiht und ist ein Ersatzbau für die alte romanische Feldsteinkirche, die baufällig geworden war.

Zurzeit wird die Dachkonstruktion der Backsteinkirche, die zu den Themenkirchen innerhalb der Stiftung „Entschlossene Kirchen“ gehört, saniert.
Nur wenige Meter von der Kirche entfernt liegt ein Hofgrundstück an der Pülziger Dorfstraße, das einmal der Bauernfamilie Schmohl gehört haben könnte. „Genau weiß man es nicht, denn es gab zwei Familien mit diesem Namen,“ erklärt Cornelia Richter. Auf alle Fälle gibt es eine Zeichnung aus dem Jahr 1865, die mit „Töffel Schmohl, Hof zu Pülzig“ beschriftet ist. Sie stammt von Emil Zeiß, der auch eine Zeichnung der alten Dorfkirche angefertigt hat. Hier könnte der für einen Dorfjungen wie Johann Christian Schmohl ungewöhnliche Lebenslauf seinen Anfang genommen haben. Er studiert Kameralistik, also Ökonomie und macht sich seine eigenen Gedanken, verfasst ein Buch, das er „Sammlung von Aufsätzen besonders für Freunde der Cameralwissenschaften und der Staatswirthschaft“ nennt. Für Fürst Friedrich August von Anhalt-Zerbst sind die Ideen Schmohls eine Provokation und er lässt ihn verfolgen.

Der als Hochverräter gebrandmarkte Magister geht über die nahe Grenze nach Preußen und dann weiter nach Großbritannien. 1781 lässt Fürst Friedrich August das Buch in Zerbst vor dem Roland von einem Henker verbrennen. Wenige Jahre später verlieren sich die Spuren des anhaltischen Rebellen. Man vermutet, dass er 1783 bei der Überfahrt nach Amerika, wohin er fliehen wollte, ums Leben gekommen ist.
Pülzig, das heute 68 Einwohner zählt, wurde 1224 das erste Mal erwähnt. Der kleine Ort kämpft wie viele andere mit den Folgen der demografischen Entwicklung. Es bleibt zu hoffen, dass Pülzig als liebenswertes Dorf trotzdem eine glückliche Zukunft hat. Dazu könnte auch die etwas schräge Gaststätte „Fidele Kutscherklause“ (FKK) beitragen. Die Exkursionsteilnehmer ließen sich dort jedenfalls zum Abschluss schon mal das Mittagessen schmecken.

Lothar Jeschke

Bleistiftzeichnung Hof von Töffel Schmohl in Pülzig 1865. Dargestellt sind Stallgebäude. Quelle: Anhalt in alten Ansichten, Halle (Saale) 2006, S.154
Bleistiftzeichnung Hof von Töffel Schmohl in Pülzig 1865. Dargestellt sind Stallgebäude. Quelle: Anhalt in alten Ansichten, Halle (Saale) 2006, S.154

Bleistiftzeichnung Hof von Töffel Schmohl in Pülzig 1865. Dargestellt sind Stallgebäude. Quelle: Anhalt in alten Ansichten, Halle (Saale) 2006, S.154

Vermutliches Gehöft Schmohl, Pülziger Dorfstr. 09
Vermutliches Gehöft Schmohl, Pülziger Dorfstr. 09

Vermutliches Gehöft Schmohl, Pülziger Dorfstr. 09


Die Sonnenkirche St. Jakobus in Pülzig mit Solaranlage.
Die Sonnenkirche St. Jakobus in Pülzig mit Solaranlage.

Die Sonnenkirche St. Jakobus in Pülzig mit Solaranlage.

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