Johann Christian Schmohl – Bauernsohn und Rebell aus Pülzig

Die Geschichte Anhalts ist reich an historischen Gestalten. Fast immer sind es aber Personen, die selbst Macht ausübten oder den herrschenden Schichten nahe standen. Deshalb ist es wichtig, auch an einfache Menschen aus dem Volk zu erinnern, die in unserer Region gelebt und gewirkt haben. Sie sind oft vergessen und werden von der Geschichtsschreibung nicht beachtet. Dieses Schicksal hat auch Johann Christian Schmohl getroffen, obwohl er ein recht abenteuerliches, ja filmreifes Leben geführt hat.
Was lag also näher, als den Bauernsohn aus Pülzig des 18. Jahrhunderts wieder ins Gedächtnis zurück zu rufen und mehr über ihn zu erfahren?
Seit einigen Jahrzehnten beschäftigt sich ein angesehener Wissenschaftler mit der Person Schmohl. Privatdozent Dr. Michael Niedermeier kann inzwischen als Experte auf diesem Gebiet bezeichnet werden. Dr. Niedermeier ist Leiter der Arbeitsstelle Goethe-Wörterbuch der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Berlin und als solcher mit den Akteuren der Goethezeit, zu denen Schmohl zählte, bestens vertraut. Für den Verein für Anhaltische Landeskunde war es deshalb sehr erfreulich, dass Dr. Niedermeier zu einem Vortrag über Johann Christian Schmohl am 15. März 2019 nach Coswig kommen konnte.
Dr. Niedermeier begann seinen Vortrag mit dem Skandal, den ein Buch Schmohls ausgelöst hatte und der am 3. August 1781 zu einer öffentlichen Bücherverbrennung in Zerbst führte. Mit diesem Ereignis wurde der Name Schmohls damals recht bekannt und in den Kreisen des aufgeklärten Bürgertums interessierte man sich für ihn.
Johann Christian Schmohl wurde am 12. August 1756 in Pülzig, einem kleinen Dorf zwischen Coswig und Wittenberg als Sohn eines Bauern geboren.
Dr. Niedermeier zeichnete in seinen Ausführungen den Lebensweg dieses strebsamen Bauernjungen nach, der ihn zur Universität nach Wittenberg und dann nach dem erfolgreichen Abschluss auf das Dessauer Philantropinum führte. Dort wird er am 11. November 1776 als Lehrer für Griechisch angestellt. Am Philantropinum traf Schmohl auf etliche junge Lehrer aus allen Teilen des damaligen Reiches, „echte Vertreter der Sturm-und-Drang-Bewegung“, nennt sie Dr. Niedermeier.

Privatdozent Dr. Michael Niedermeier beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit Johann Christian Schmohl.

„Man kann sie etwa mit den jungen Leuten des Jahres 1968 vergleichen,“ erläutert er weiter. „Sie ließen sich von nichts und niemanden beeinflussen. Sie wollten die Welt verändern.“ Ganz klar, dass Schmohl sich mit ihnen austauschte, ihre Ideen aufnahm. Sie wollten nicht nur Kinder in der Schule unterrichten, sondern das Volk und vor allem die Bauern aufklären. Als es am Philantropinum zum Streit zwischen den alten Lehrern und den „jungen Genies“ kam, verließ Johann Christian Schmohl mit seinen Elsässer Freunden Dessau, um in deren Heimat eine neue Schule zu gründen. Doch dieses Projekt misslingt und der arbeitslose Junglehrer Schmohl glaubt, er könne eine Stelle im Dienst des Zerbster Fürsten finden. Es gelingt ihm, einen Audienztermin bei der Fürstin Friederike, die sich wie ihr Ehemann Fürst Friedrich August in Basel aufhielt, zu bekommen. Doch er merkt, dass er höchstens als Schreiber o.ä. eine Chance hat. So kehrt er Ende 1779 in seine anhaltische Heimat zurück und schreibt sich wieder an der Universität Halle ein. Er studiert nun Jura und besonders die Kameralistik. Mit seinen juristischen Kenntnissen versucht er einen alten Rechtsstreit seines Vaters mit dem fürstlichen Justizamt zu lösen. Es geht um die Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen in Pülzig, die dem Vater immer wieder verwehrt wird. Schmohl radikalisiert sich und veröffentlicht schließlich Schmähschriften in denen er den Fürsten direkt angreift. „Er war ein richtiger Hitzkopf,“ sagt Dr. Niedermeier. Sein Charakter wird ihm sozusagen zum Verhängnis. Da die Bücherverbrennung dem fürstlichen Konsistorium nicht reicht, versucht man seiner habhaft zu werden und schaltet die Universität in Halle ein.

Zum Vortrag kamen auch Gäste aus Wittenberg und Zerbst.

Dort wird er tatsächlich in Arrest genommen, dann aber krankheitsbedingt in seiner Wohnung unter Bewachung interniert. Von dort gelingt ihm die Flucht, die ihn unter falschem Namen nach Königsberg, die Niederlande und schließlich nach England führen sollte. Hier entschließt er sich, in die gerade entstehenden USA auszuwandern. Erst Jahre später erfährt man, dass Johann Christian Schmohl vermutlich am 14. Januar 1783 bei den Bermuda-Inseln, wo sein Schiff gestrandet war, ertrunken ist.
In jüngster Zeit gibt es Historiker, die meinen, Schmohl sei nur ein Karrierist gewesen, der mit den Mitteln der Aufklärung Druck auf den Zerbster Fürsten ausüben wollte, um den Rechtsstreit des Vaters zugunsten der Familie Schmohl zu entscheiden. Gleichzeitig sollte eine gut dotierte Stelle im Zerbster Konsistorium für ihn herausspringen. Dr. Niedermeier hält dem entgegen, dass sich Schmohl sehr tiefgründig mit ökonomischen Fragen wie der Wertschöpfung befasst habe und außerdem in seiner Schrift „Über Nordamerika und Demokratie“ auch die Gründungsväter der USA kritisiert hat.
Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass man sich in Pülzig und auch in Coswig mehr auf Johann Christian Schmohl besinnt, an ihn und seine fortschrittlichen Ideen erinnert und Haus und Hof seiner Nachfahren in Ehren hält.
Axel Clauß, Bürgermeister der Stadt Coswig, zu der Pülzig heute gehört, hatte Zeit gefunden, sich den Vortrag anzuhören. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen und die Stadt Coswig erkennt, dass es auch in der Regionalgeschichte Alleinstellungsmerkmale gibt, auf die man zurückgreifen kann.

Mehr über Johann Christian Schmohl im Beitrag “ “Auf den Spuren eines anhaltischen Rebellen.”

Lothar Jeschke

Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Lesen Sie dazu unsere Datenschutzinformationen