Zerbster Fayence und Meißener Porzellan, Zwiebelmuster ist nicht gleich Zwiebelmuster

Ein interessanter Abend über Zerbster Geschichte in Dessau

In der ersten Aprilwoche luden der Verein für Anhaltische Landeskunde und das Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Dessau, zu einem hoch interessanten Vortrag ein, dessen Thema wie folgt lautete: Der Einfluss der Zerbster Fayence auf das Meißener Porzellan um 1730 am Beispiel des Zwiebelmusters. Es referierte Lutz Miedtank. Der Einladung nach Dessau folgten auch etliche an ihrer Stadtgeschichte interessierte Zerbster.
Den Begriff Porzellan assoziieren die meisten von uns mit Meißen und Asien, denn in vielen europäischen herrschaftlichen Schlössern und Palästen sind Porzellane ausgestellt, die entweder aus Meißen oder aus China oder Japan stammen. Die wenigsten von uns denken dabei an Zerbst, wo es bereits nachweislich seit 1721 eine Porcellain-Fabrique, d.h. eine Fayence-Manufaktur gab. Aber zwischen der Stadt Zerbst in Anhalt und dem Porzellan existierte noch eine weitere Verbindung: Auf der heutigen Zerbster Breite wohnte Christoph Pflug (um 1644- 1693), seinerzeit Zerbster Hofmünzmeister. Zudem betrieb Christoph Pflug dort den Gasthof „Zum güldenen Pflugschar“. Er war der Großvater von Johann Friedrich Böttger (1682- 1719), dem Erfinder des Meißner Porzellans. So waren denn vor allem die Zerbster Gäste am Abend im Dessauer Landesarchiv gespannt, welche Richtung der Vortrag von Lutz Miedtank nehmen würde.
Begrüßt wurden die Gäste sowie der Referent zum Vortrag von Dr. Andreas Erb, dem Leiter der Abteilung Dessau des Landesarchivs Sachsen-Anhalt.
Gleich zu Beginn seiner Ausführungen begründete Lutz Miedtank, warum dieser Abend im Dessauer Landesarchiv und nicht in Zerbst stattfinde. „ Wir sind in Dessau, weil die Quellen hier sind und die Quellen sind unwahrscheinlich!“, begründete der Referent diese Frage.
Der aus Leipzig stammende Lutz Miedtank ist nach eigener Aussage kein „gelernter“ Kunsthistoriker oder Historiker, er komme beruflich vielmehr aus der Ecke der Ingenieurwissenschaften. Lange Zeit befasst er sich jedoch schon mit der Meißener Blaumalerei, der Entstehungsgeschichte des Zwiebelmusters und betreibt sehr ambitioniert Forschungen, über deren Resultate er auch publiziert. So ist auch im Zerbster Heimatkalender 2016 ein Beitrag zur Zerbster Fayence-Manufaktur von Lutz Miedtank zu finden.

Eine wesentliche Rolle bei der Gründung der Zerbster Fayence-Manufaktur spielte Fürst Johann August von Anhalt-Zerbst, der 1718 die Regierung des Fürstentums Anhalt-Zerbst übernahm. Laut Miedtank habe sich Fürst Johann August sehr mit merkantilen Dingen befasst, denn irgendwie habe die fürstliche Kasse gefüllt werden müssen.
Am 08. Juli 1720 bekam Fürst Johann August ein Schreiben, unterzeichnet von dem aus Hanau stammenden Johann Caspar Ripp (1681-1726), seinerzeit Blaumaler in Meißen. Ripp schlug dem Zerbster Fürsten vor, eine Fayence-Manufaktur zu errichten. Diese sollte in Coswig als „Porcellain-Fabrique“ angesiedelt werden.
Bereits im November des gleichen Jahres wurde Ripp nach Zerbst, sozusagen zu einem Vorstellungsgespräch, eingeladen. Am 19. Mai 1721 erfolgte die offizielle Unterzeichnung des Vertrages über die Gründung einer Fayence-Manufaktur in Zerbst. Dieser Vertrag trug die Unterschriften des Fürsten Johann August, die von Johann Caspar Ripp und die des Delfters Daniel van Kayck. Letzterer war talentierter beim Kalkulieren, wohingegen Ripp mehr der ambitionierte Künstler war.
Vor seiner Zeit in Zerbst war Johann Caspar Ripp bereits als wandernder Porzellan-und Fayencemaler in Frankfurt a.M., Ansbach, Bayreuth, Braunschweig und Meißen tätig gewesen. Solch ein unstetes Leben sei typisch für die Fayence- und Porzellanmaler des 18. Jahrhunderts gewesen, so Miedtank. Ihre Leistungen seien selten aktenkundig gemacht worden, eher finde man ihre Namen in den Lohnlisten, führt Miedtank weiter aus.
Doch kurz zurück zu Johann Caspar Ripp in Zerbst. Ab Februar 1722 kam es zu Auseinandersetzungen in der Zerbster Fayence-Manufaktur, da Ripp die alleinige Leitung der Manufaktur anstrebte und zudem auch ein, laut Miedtank, „alkoholintensives Leben“ führte. Am 30. April 1722 ging Ripp zurück nach Dresden und Meißen, wo er pro Jahr 4200 Blauporzellane bemalte. Doch trotz „alkoholischer Auszeit“ blieb er auch in Meißen nur zirka ein Jahr und kehrte für sechs Monate nach Zerbst zurück. Als er dann erneut aus Zerbst verschwand, ließ man ihn sogar suchen, da sich die von ihm bemalten Stücke gut verkauften. Schlussendlich verstarb Ripp 1726 in Kassel.

Für die Zerbster Fayence-Manufaktur, die sich stets in der heutigen Zerbster Münzgasse befand, fanden sich noch zwei Bewerber: Johann Gottlieb Mehlhorn und Johann Fritzsche, beide aus Meißen. Auch sie wandten sich mit einem Brief an den Zerbster Fürsten, ihnen die Leitung seiner Manufaktur zu übertragen. Doch der Fürst lehnte dies ab. Späterhin wurde die Zerbster Fayence-Manufaktur veräußert und ging in Privatbesitz über.

Resümee Nr.1:

So unstet das Leben des Blau-, Fayence- und Porzellanmaler Johann Caspar Ripp auch war, unbestritten spielte sein künstlerisches Können eine herausragende Rolle bei der Entwicklung der Manufakturen sowohl in Meißen als auch in Zerbst. Seine von ihm gestalteten Stücke verkauften sich sehr gut. Bedingt durch Kriegsverluste sind in unseren Tage nur noch wenige Stücke von Ripp nachweisbar.

Resümee Nr.2:

Auch auf das Thema des sogenannten Zwiebelmusters kam Lutz Miedtank zu sprechen. Grundelemente des Zwiebelmusters sind die rechtsseitige Chrysantheme, der linksseitige Bambuszweig, mittig das Doppelblatt, darunter Erdhaufen und eine Bordüre mit Glückssymbolen. Doch weder in China noch in Meißen gab es nur ein einziges standardisiertes Zwiebelmuster. Das blaue Zwiebelmuster wurde in unzählig vielen Varietäten ausgeführt-auch je nach Zeit und Mode. Anhand verschiedener Porzellane und Fayencen mit Zwiebelmusterdekor führte Lutz Miedtank in seiner Power-Point-Präsentation den Zuhörern die Unterschiede vor Augen.
Wichtig ist aber noch eine Erkenntnis: Das die derzeitigen Forschungen zum Leben und Wirken von Johann Caspar Ripp noch Widersprüche enthalten, kann es gewesen sein, dass das Zwiebelmuster in Zerbst noch vor Meißen zur Anwendung kam.
Wer darüber noch mehr erfahren möchte und den Vortrag von Lutz Miedtank verpasst hat, kann sich auf den Zerbster Heimatkalender 2017 freuen, in dem er darüber publizieren wird.

Annegret Mainzer

Der Autor Lutz Miedtank bei seinem Vortrag im Landeshauptarchiv Dessau-Roßlau.
Der Autor Lutz Miedtank bei seinem Vortrag im Landeshauptarchiv Dessau-Roßlau.

Der Autor Lutz Miedtank bei seinem Vortrag im Landeshauptarchiv Dessau-Roßlau.

Lutz Miedtank stellte die Ergebnisse seiner Nachforschungen mit Power Point dar.
Lutz Miedtank stellte die Ergebnisse seiner Nachforschungen mit Power Point dar.

Lutz Miedtank stellte die Ergebnisse seiner Nachforschungen mit Power Point dar.

Das Wohnhaus „Zur güldenen Pflugschar“ in der heutigen Zerbster Breite.
Das Wohnhaus „Zur güldenen Pflugschar“ in der heutigen Zerbster Breite.

Das Wohnhaus „Zur güldenen Pflugschar“ in der heutigen Zerbster Breite.

Das Wohnhaus „Zur güldenen Pflugschar“ in der heutigen Zerbster Breite.
Das Wohnhaus „Zur güldenen Pflugschar“ in der heutigen Zerbster Breite.

Das Wohnhaus „Zur güldenen Pflugschar“ in der heutigen Zerbster Breite.

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