Nur noch wenige Spuren erinnern heute an das Leben jüdischer Mitbürger in Coswig (Anhalt). Mitglieder der Regionalgruppe Zerbst des Vereins für Anhaltische Landeskunde (VAL) waren am 25. Oktober 2025 in der Stadt an der Elbe unterwegs, um diese Spuren zu finden. Zunächst führten Harald Friebel und Horst Stübler, beide Coswiger, mit einem interessanten Vortrag in die Thematik ein.
Bereits in den 1770er Jahren erhielten Juden in Coswig Wohnrecht durch die Erteilung fürstlicher Schutzbriefe. Zunächst besuchten die wenigen Gemeindemitglieder die Synagoge in Wörlitz, wo auch die Toten begraben wurden. Als Geburtsstunde einer eigenen jüdischen Gemeinde kann das Jahr 1800 angenommen werden. Durch die rasch gestiegene Zahl von Juden wurde in jenem Jahr in der Coswiger Domstraße eine Synagoge errichtet. Am Ortsrand entstand ein jüdischer Friedhof.
Die Coswiger Synagoge war ein einfacher Bau, der mehr als Bethaus anzusehen war. Sie wurde mehrfach umgebaut und 1904 komplett erneuert. Da die Anzahl der Gemeindemitglieder nach 1900 stetig abnahm, fanden ab 1928 keine Gottesdienste mehr statt. Nach jüdischer Tradition sind hierfür mindestens zehn männliche Gottesdienstteilnehmer erforderlich. 1939 wurde die Synagoge auf Betreiben der Nazi-Verwaltung der Stadt und des Landkreises abgerissen. Auch der jüdische Friedhof wurde in der Zeit des Dritten Reichs eingeebnet, die Grabsteine teilweise verkauft. 1933 lebten noch neun Juden in Coswig. 1940 starb die letzte jüdische Bewohnerin der Stadt – eine Beisetzung in Coswig wurde von der Stadtverwaltung verweigert. Informiert wurde auch zum Wirken des bedeutenden Philosophen Prof. Dr. Hermann Cohen. Cohen wurde 1842 als Sohn des jüdischen Kantors in Coswig geboren.
Bekanntheit erlangte er vor allem durch die Neuinterpretation der Philosophie Immanuel Kants. Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1912 wirkte er viele Jahrzehnte als Professor an der Universität Marburg. Er starb 1918 in Berlin. Bis zuletzt blieb Cohen seiner Heimatstadt eng verbunden. Das Geburtshaus Cohens in Coswig wurde 1982 wegen Baufälligkeit abgerissen.
Bei der anschließenden Exkursion durch die Stadt besuchten wir die ehemalige Stätte des Geburtshauses von Hermann Cohen und den Standort der Synagoge. Beide Gebäude befanden sich in der Domstraße. An beiden Orten erinnern und mahnen heute Gedenktafeln. Auch der jüdische Friedhof in der Heidestraße wurde besucht. Dieser hat wieder eine feste Umzäunung erhalten. Schon zu DDR-Zeiten sind drei erhaltene Grabmale wieder aufgestellt worden. Zum Abschluss ging es zum früheren Wohnhaus der jüdischen Familie Rheinhold in der Berliner Straße Nr. 4. Der Unternehmer Heinz Rheinhold war Betreiber der Coswiger Korksteinfabrik. Er wurde 1938 wegen Rassenschande verurteilt und 1942 ermordet. Seine Familienangehörigen konnten 1938 gerade noch rechtzeitig ins Ausland fliehen. Vor dem Gebäude erinnern heute Stolpersteine an das Schicksal der Familie.
Text und Fotos: Tobias Zander
*Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Cohen#/media/Datei:Cohen-hermann-zeichnung-max-liebermann-in-hermann-cohens-juedische-schriften-bd1-berlin-schwetschke-1924-vorsatz.jpg



