Bereits im Jahr 2024 hatten Mitglieder der Regionalgruppe Zerbst des VAL einen Blick über die Grenzen des historischen Anhalt-Zerbst hinaus gewagt und waren zu einer ersten Exkursion nach Gröbzig aufgebrochen. Damals waren das Spinndüsenmuseum und der „Mauseturm“ auf dem Programm. Bei der diesjährigen Exkursion am 22. August 2026 standen nun die evangelische St. Martinskirche und das Museum Synagoge Gröbzig im Mittelpunkt.
Durch die Martinskirche führte erneut der langjährige Vorsitzende des Gröbziger Heimatvereins Otto Kappes. Die Ursprünge der Kirche gehen bis in die Zeit um 1200 zurück. Im Dreißigjährigen Krieg war das Gebäude so in Mitleidenschaft gezogen worden, dass ein Neubau an derselben Stelle erfolgte, der in den Jahren 1663 bis 1670 entstand. Umfassende Umbauarbeiten erfolgten im Jahr 1870, als die Kirche um einen Chor verlängert wurde und das Gebäude seitliche Anbauten erhielt. Auch die Inneneinrichtung wurde in diesem Zuge fast vollständig erneuert – so stammen etwa Gestühl, Altar und Taufstein aus dieser Zeit. Zu DDR-Zeiten wurde die Kirche stark vernachlässigt. Zahlreiche Fenster gingen durch Vandalismus zu Bruch. Dem Engagement der Kirchengemeinde und des Pfarrers ist es zu verdanken, dass das Gebäude insbesondere in den Jahren 1998/99 einer Generalsanierung unterzogen wurde, wodurch die Kirche heute wieder in altem Glanz erstrahlt.
Otto Kappes berichtete auch vom Pfarrer und bedeutenden Pädagogen Johann Friedrich Walkhoff (1751-1839), der über 50 Jahre lang in Gröbzig wirkte. Walkhoff setzte sich für die Reformierung des Schulwesens ein, führte etwa die bisherigen konfessionsgebundenen Gröbziger Schulen zu einer Schule mit mehrklassigem Unterricht zusammen, und führte neue Fächer wie Musik und Turnen ein. 1786 gründete er den ersten deutschen Lehrerverein.
Abschließend konnten die Exkursionsteilnehmer sogar den Kirchturm bis zur Glockenstube hinauf erklimmen. Auch wenn der Turm von außen recht massiv wirkt, handelt es sich eigentlich um einen Holzturm, dessen unterer Teil durch Mauerwerk verblendet und gestützt wird. Die gesamte Konstruktion wird von sechs starken Eichenpfeilern getragen. Im oberen Bereich ist der Turm mit Kupferblechen verkleidet.
Im Inneren des Turmes befindet sich ein historisches Geläut aus vier Glocken, welche im 14. bis 16. Jahrhundert gegossen wurden und bis heute ihren Dienst versehen.
Nur wenige hundert Meter von der Kirche entfernt befindet sich das nächste Gotteshaus – die Gröbziger Synagoge – welche heute mit den zugehörigen Nebengebäuden das „Museum Synagoge Gröbzig“ beherbergt. Hier erhielten die Teilnehmer der Exkursion eine Führung durch Museumsleiterin Anett Gottschalk. Schwerpunkt der Führung lag auf der Geschichte der Synagoge und der früheren jüdischen Gemeinde. Das Museum bietet jedoch darüber hinaus viele Informationen zu weiteren Themen, wie etwa zur jüdischen Kultur oder zur Problematik des Antisemitismus.
Eine jüdische Gemeinde in Gröbzig kann bereits im 17. Jahrhundert nachgewiesen werden. Viele Jahrzehnte lang gehörten der Gemeinde über 100 Personen an, um 1770 sogar 190 Menschen. Dies machte auch den Neubau einer Synagoge erforderlich, sodass 1796 das heutige Gebäude in der Langen Straße anstelle eines Vorgängerbaus errichtet wurde. 1858 wurde die nebenan befindliche Schmiede hinzuerworben, wo eine Wohnung für den Kantor eingerichtet wurde. Auch eine kleine jüdische Schule gehörte zum Areal. Diese Schule besuchte u.a. der später bekannte Sprachwissenschaftler und Philosoph Chajim Heymann Steinthal (1823-1899), der aus Gröbzig stammte und in seinen Aufzeichnungen über seine Kindheit viele Informationen über das Leben der jüdischen Gemeinde in Gröbzig hinterlassen hat.
Nach 1900 schrumpfte die Gemeinde stetig. Als 1934 nur noch neun Gemeindemitglieder übrig waren, übergaben diese die Synagoge an die Stadt Gröbzig, welche hier ein Heimatmuseum einrichteten ließ. Das Gebäude wie auch der außerhalb der Stadt gelegene Friedhof wurden noch 1934 unter Denkmalschutz gestellt. Hierdurch konnte das Gebäude wie auch die Inneneinrichtung nebst zahlreichen Zeugnissen der jüdischen Kultur vor den Zerstörungen der Progromnacht 1938 bewahrt werden.
Tobias Zander


